Thu 26 Jan 2012
Ich habe den Winter geheiratet. Naja, nicht wirklich geheiratet. Ich habe das Fenster geöffnet und ihn hereingelassen. Jetzt sieht man ihn hereinquellen, wie er über das Sofa rollt, immer ein Stück vom Fußboden entfernt, als wäre dieser noch zu warm für ihn. Weißer Nebel, so sieht er manchmal aus. Natürlich ist es keiner. Der Winter ist ein großer Mann, stark und fest, der sich da gerade zu meinem Fenster hereindrückt. Man fragt sich, was der Winter in so einer hässlichen Stadt wie Berlin verloren hat. Grau und öde liegt sie unten, Plastikflaschen, Müll, Kotze. Die Berliner Freiheit liegt da unten: Plastikflaschen, Müll, Kotze. Aber der Winter steigt einfach darüber. Er sieht es nicht. Oben vom Dach her senkt er sich zu meinem Fenster herab, um mich zu besuchen. Die Sonne scheint von hintem durch ihn hindurch und glitzert auf dem Holz des Fensters, während er sich hereinschiebt. Einmal im Zimmer, richtet er sich auf, zur echten Höhe, wächste, bis er das ganze Zimmer ausfüllt. Auch dem Fußboden kommt er immer näher. Das sehe ich, denn ich liege am Boden, unter der roten Bettdecke, und schaue zwischen dem Winter und dem Fußboden entlang. Und puste meine Wärme in einer Wolke dazwischen bis hinter an die Wand. Schnee fällt daraus, aus meiner Wärme. Einmal ausgeatmet ist sie weg. Bald brauche ich die rote Decke nicht mehr, bald bin ich von innen so kalt wie der Winter, und kann mich endlich zeigen.
Der Winter wartet. Jedes Jahr ist er vorbeigekommen, und immer wieder gegangen. Diesmal muss er nicht gehen. Diesmal schwimmen keine Tränen mehr in mir, in denen sich der Sommer aufgelöst hält. Keine Tränen mehr, kein Sommer mehr. Es fühlt sich gut an, so kalt zu sein wie der Winter. So langsam. So ruhig. Langsam zieht der Winter die Decke weg. Das Tuch gleitet von der kühlen Haut wie dünner Nebel. Meine Nackenhaare stellen sich leicht auf, und es kribbelt am Hinterkopf. Aber es wird nicht kalt. Weiß leuchtet meine Haut im leeren Zimmer. Weiß, fast bläulich, man sieht einige Adern. Auch das Blut darin ist kalt. Wie Metall fühlt es sich an, auf dem Weg durch meine Haut und meine Organe, und ich ich fühle mich überall.
Der Winter lächelt. Er beugt sein breites, brutales Kreuz zu mir herab und lächelt, während er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, die ich schon längst nicht mehr habe. Er erinnert sich. Wie ich war, bevor ich mich für ihn zurechtmachte. Keine Haare mehr. Wimpern nicht, auf dem Handrücken. Nur noch weißblaue Haut. Und dünne, blasse Lippen. Er beugt sich herunter, immer näher. Sein kalter Atem trifft mein Gesicht, und es fühlt sich an, als würde die Haut platzen und in großen Stücken von meinem Gesicht fallen. Aber das tut sie nicht. Ich bin ganz Porzellan, ohne Haare, ohne Blut, nur weiß. Nichts platzt. Dann küsst er mich.
Ich sterbe.
Als ich wieder erwache, stehe ich in einem leeren Ubahnschacht. Der Winter ist da, um mich, ich kann ihn fühlen, aber ich sehe ihn nicht mehr. Überall sind die Schatten von Männern und Jungen, der ganze Ubahnschacht ist vollgestopft, aber keiner ist echt. Keiner dieser Schatten ist wirklich da. Sie driften alle langsam in die gleiche Richtung, wie als wäre ein schwacher Luftzug, den ich nicht spüre. Ich strecke meine Hände nach den Schatten aus. Man kann ja sowieso nicht sehen, welche Schatten hübscher sind als die anderen. Oder netter. Man kann sie nicht riechen. Und nicht anfassen, wie ich bemerke. Immerwieder greife ich zu, und die Schatten zerfasern. Die Männer verschwinden, oder entstehen in sicherer Entfernung wieder neu. Weißblau leuchtet meine Haut auch hier, im kalten Ubahnschacht. Aller Männer Berlins sind hier, so scheint es, und keiner ist echt. In welchen Alptraum hat mich der Winter hier verbannt?
Da spüre ich den Winter hinter mir, an meinem Rücken, wie er plötzlich ganz dicht steht. Er ist echt, ohne Zweifel, ein echter Mann, groß und kalt. Meine Haut beginnt leise zu klirren. Ich habe Angst davor, was er jetzt tun wird. Er hat so brutale Schultern. Und es sind so viele Schatten hier, und ich weiß nicht, was diese alles bemerken. Sollte man nicht Angst um sein Leben haben, und nicht um die Gedanken der Schatten? Aber ich habe keine Angst um mein Leben, sonst hätte ich den Winter nie eingeladen. Seine Arme umspannen mich und drücken sanft zu. Er hält mich fest, damit ich nicht so laut klirre. Sein Atem ist neben meinem Ohr, und ich höre ihn lachen. Kann der Winter glücklich sein?
Seine Hand langt durch meine Brust in mich hinein. Einfach durch das helle Porzellan hindurch, ohne es zu zerstören. Und langsam folgt der Rest. Seine Brust drückt sich durch meinen Rücken, seine Beine verschwinden in meinen Beinen und ich spüre einen zarten Schmerz als sich der Kopf mit dem brutalen Kreuz zwischen meine Schulterblätter bohrt. Dann ist nichts mehr vom Winter übrig. Ich habe den ganzen Winter in mir, und Berlin ist wieder winterlos und grau. Mein Bauch leuchtet Blau, und in mir bewegt es sich, als wäre ich schwanger. Die Schatten driften sinnlos weiter. Keiner hat bemerkt, dass ich den Winter geheiratet habe, in einem leeren Ubahnschacht. Wenn ich jetzt ausatme, dann lösen sich kleine Schneeflocken aus dem Atem, die wirbeln um mich herum und zerschneiden die Schatten. Man hört sie seufzen, wenn Sie zu Boden fallen, und ihren sinnlosen Weg beenden.
Ich verlasse die Ubahn. Ein weißblauer Mensch aus Porzellan, der Schnee atmet und ein Leuchten im Bauch hat. Nackt. Keiner bemerkt mich, denn in Berlin bemerkt man sich nicht. Leider zerschneiden die Schneeflocken die tatsächlichen Menschen draußen in der Stadt nicht, die den Sommer noch in sich tragen. Vielmehr schmelzen die Flocken, befeuchten die tatsächlichen Menschen, die vorbeieilen, über Plastikflaschen, Müll und Kotze.
Es ist schön, keinen Sommer mehr in sich zu haben, und nicht mehr traurig zu sein, dass die Menschen auf der Straße hier fast Schatten sind, die sich ohne Bedenken zerschneiden ließen. Als ich endlich unter freiem Himmel stehe, da will ich fort aus der Stadt. In die Berge, auf die hohen Steine, in die Klüfte, mich sehnt es danach, durch das Gebirge zu heulen und an den Bäumen zu reißen, die sich mutig in mein Revier gewagt haben. Mit zwei kurzen Sprüngen bin ich in der Luft und fort. Fort von der Schattenstadt. Wo ich absprang, da fliegen Müll und Männer kreisförmig auseinander und bildet einen Krater. Doch da bin ich schon in den Bergen, und bemerke nicht, falls ein Junge in den Krater tritt und eine Blume hineinlegt. Aber es interessierte mich auch nicht mehr. Ich bin auch ein Winter. Endlich.
Konrad Schulze