Ich habe den Winter geheiratet. Naja, nicht wirklich geheiratet. Ich habe das Fenster geöffnet und ihn hereingelassen. Jetzt sieht man ihn hereinquellen, wie er über das Sofa rollt, immer ein Stück vom Fußboden entfernt, als wäre dieser noch zu warm für ihn. Weißer Nebel, so sieht er manchmal aus. Natürlich ist es keiner. Der Winter ist ein großer Mann, stark und fest, der sich da gerade zu meinem Fenster hereindrückt. Man fragt sich, was der Winter in so einer hässlichen Stadt wie Berlin verloren hat. Grau und öde liegt sie unten, Plastikflaschen, Müll, Kotze. Die Berliner Freiheit liegt da unten: Plastikflaschen, Müll, Kotze. Aber der Winter steigt einfach darüber. Er sieht es nicht. Oben vom Dach her senkt er sich zu meinem Fenster herab, um mich zu besuchen. Die Sonne scheint von hintem durch ihn hindurch und glitzert auf dem Holz des Fensters, während er sich hereinschiebt. Einmal im Zimmer, richtet er sich auf, zur echten Höhe, wächste, bis er das ganze Zimmer ausfüllt. Auch dem Fußboden kommt er immer näher. Das sehe ich, denn ich liege am Boden, unter der roten Bettdecke, und schaue zwischen dem Winter und dem Fußboden entlang. Und puste meine Wärme in einer Wolke dazwischen bis hinter an die Wand. Schnee fällt daraus, aus meiner Wärme. Einmal ausgeatmet ist sie weg. Bald brauche ich die rote Decke nicht mehr, bald bin ich von innen so kalt wie der Winter, und kann mich endlich zeigen.

Der Winter wartet. Jedes Jahr ist er vorbeigekommen, und immer wieder gegangen. Diesmal muss er nicht gehen. Diesmal schwimmen keine Tränen mehr in mir, in denen sich der Sommer aufgelöst hält. Keine Tränen mehr, kein Sommer mehr. Es fühlt sich gut an, so kalt zu sein wie der Winter. So langsam. So ruhig. Langsam zieht der Winter die Decke weg. Das Tuch gleitet von der kühlen Haut wie dünner Nebel. Meine Nackenhaare stellen sich leicht auf, und es kribbelt am Hinterkopf. Aber es wird nicht kalt. Weiß leuchtet meine Haut im leeren Zimmer. Weiß, fast bläulich, man sieht einige Adern. Auch das Blut darin ist kalt. Wie Metall fühlt es sich an, auf dem Weg durch meine Haut und meine Organe, und ich ich fühle mich überall.

Der Winter lächelt. Er beugt sein breites, brutales Kreuz zu mir herab und lächelt, während er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, die ich schon längst nicht mehr habe. Er erinnert sich. Wie ich war, bevor ich mich für ihn zurechtmachte. Keine Haare mehr. Wimpern nicht, auf dem Handrücken. Nur noch weißblaue Haut. Und dünne, blasse Lippen. Er beugt sich herunter, immer näher. Sein kalter Atem trifft mein Gesicht, und es fühlt sich an, als würde die Haut platzen und in großen Stücken von meinem Gesicht fallen. Aber das tut sie nicht. Ich bin ganz Porzellan, ohne Haare, ohne Blut, nur weiß. Nichts platzt. Dann küsst er mich.

Ich sterbe.

Als ich wieder erwache, stehe ich in einem leeren Ubahnschacht. Der Winter ist da, um mich, ich kann ihn fühlen, aber ich sehe ihn nicht mehr. Überall sind die Schatten von Männern und Jungen, der ganze Ubahnschacht ist vollgestopft, aber keiner ist echt. Keiner dieser Schatten ist wirklich da. Sie driften alle langsam in die gleiche Richtung, wie als wäre ein schwacher Luftzug, den ich nicht spüre. Ich strecke meine Hände nach den Schatten aus. Man kann ja sowieso nicht sehen, welche Schatten hübscher sind als die anderen. Oder netter. Man kann sie nicht riechen. Und nicht anfassen, wie ich bemerke. Immerwieder greife ich zu, und die Schatten zerfasern. Die Männer verschwinden, oder entstehen in sicherer Entfernung wieder neu. Weißblau leuchtet meine Haut auch hier, im kalten Ubahnschacht. Aller Männer Berlins sind hier, so scheint es, und keiner ist echt. In welchen Alptraum hat mich der Winter hier verbannt? 

Da spüre ich den Winter hinter mir, an meinem Rücken, wie er plötzlich ganz dicht steht. Er ist echt, ohne Zweifel, ein echter Mann, groß und kalt. Meine Haut beginnt leise zu klirren. Ich habe Angst davor, was er jetzt tun wird. Er hat so brutale Schultern. Und es sind so viele Schatten hier, und ich weiß nicht, was diese alles bemerken. Sollte man nicht Angst um sein Leben haben, und nicht um die Gedanken der Schatten? Aber ich habe keine Angst um mein Leben, sonst hätte ich den Winter nie eingeladen. Seine Arme umspannen mich und drücken sanft zu. Er hält mich fest, damit ich nicht so laut klirre. Sein Atem ist neben meinem Ohr, und ich höre ihn lachen. Kann der Winter glücklich sein?

Seine Hand langt durch meine Brust in mich hinein. Einfach durch das helle Porzellan hindurch, ohne es zu zerstören. Und langsam folgt der Rest. Seine Brust drückt sich durch meinen Rücken, seine Beine verschwinden in meinen Beinen und ich spüre einen zarten Schmerz als sich der Kopf mit dem brutalen Kreuz zwischen meine Schulterblätter bohrt. Dann ist nichts mehr vom Winter übrig. Ich habe den ganzen Winter in mir, und Berlin ist wieder winterlos und grau. Mein Bauch leuchtet Blau, und in mir bewegt es sich, als wäre ich schwanger. Die Schatten driften sinnlos weiter. Keiner hat bemerkt, dass ich den Winter geheiratet habe, in einem leeren Ubahnschacht. Wenn ich jetzt ausatme, dann lösen sich kleine Schneeflocken aus dem Atem, die wirbeln um mich herum und zerschneiden die Schatten. Man hört sie seufzen, wenn Sie zu Boden fallen, und ihren sinnlosen Weg beenden.

Ich verlasse die Ubahn. Ein weißblauer Mensch aus Porzellan, der Schnee atmet und ein Leuchten im Bauch hat. Nackt. Keiner bemerkt mich, denn in Berlin bemerkt man sich nicht. Leider zerschneiden die Schneeflocken die tatsächlichen Menschen draußen in der Stadt nicht, die den Sommer noch in sich tragen. Vielmehr schmelzen die Flocken, befeuchten die tatsächlichen Menschen, die vorbeieilen, über Plastikflaschen, Müll und Kotze.

Es ist schön, keinen Sommer mehr in sich zu haben, und nicht mehr traurig zu sein, dass die Menschen auf der Straße hier fast Schatten sind, die sich ohne Bedenken zerschneiden ließen. Als ich endlich unter freiem Himmel stehe, da will ich fort aus der Stadt. In die Berge, auf die hohen Steine, in die Klüfte, mich sehnt es danach, durch das Gebirge zu heulen und an den Bäumen zu reißen, die sich mutig in mein Revier gewagt haben. Mit zwei kurzen Sprüngen bin ich in der Luft und fort. Fort von der Schattenstadt. Wo ich absprang, da fliegen Müll und Männer kreisförmig auseinander und bildet einen Krater. Doch da bin ich schon in den Bergen, und bemerke nicht, falls ein Junge in den Krater tritt und eine Blume hineinlegt. Aber es interessierte mich auch nicht mehr. Ich bin auch ein Winter. Endlich.

Konrad Schulze

Für meinen Opa

Schon lang sind wir so weit voneinander entfernt, wie es nie möglich schien, als ich noch klein war. Als ich noch klein war.

Als ich noch klein war, da warst du eine starke Ewigkeit, an die man sich anschmiegen konnte, wenn es dunkel wurde. Aber was ist eine Ewigkeit, wenn man klein ist. Besteht doch jeder Tag aus tausend Ewigkeiten, und jede Nach ist ein Weltuntergang. Aber du warst eine, eine immer wiederkehrende. Eine Ewigkeit die sich über mir ausbreitete, mit Büchern und süßem Wasser, wenn ich nicht schlafen konnte, weil die Welt erneut unterging. Ein Ecke aus Stein, die meinen Himmel begrenzte und stützte. Und formte. Und je größer der Himmel auch wurde, je weiter man dich an den Rand drängte, so warst du doch immer noch einer der Träger des Himmels, den ich da höher und höher über mir spannte. Wie viele solche Himmelsträger hat man wohl? Wenn sie alle weg sind, schwebt dann der Himmel von allein? Fällt er mir auf den Kopf oder zerfällt er in Scherben und liegt kaputt auf dem Boden? Oder steht ihr einfach weiter dort, und tragt meinen Himmel? Blasse, durchsichtige Erinnerungen, aber stark genug, um ihn nicht fallen zu lassen. Denn ich werde ihn nicht alleine tragen können. Niemand kann das. So groß ist der Himmel geworden, in den letzten Jahren, so weit bist du weggerückt, weil du den Himmel tragen musstest, unter dem ich die Welt erkunden wollte. So weit weg, dass ich dich manchmal vergessen habe.

Das tut mir leid. Ich weiß, dass du das nicht verdient hast, aber das Leben ließ mich dich vergessen. Und je mehr du dich aufgelöst hast, ja, anders kann man es nicht nennen, aufgelöst, desto schneller habe ich dich vergessen. Nicht die feste Ewigkeit aus der Kindheit. Nein, die habe ich keinen einzigen Moment vergessen. Den alten Mann habe ich vergessen, den, der keinen mehr hatte, der seinen Himmel hätte tragen können. Das alte Jetzt habe ich vergessen, das genaue Gegenteil der festen Ewigkeit. So oft habe ich es vergessen. Und nicht daran gedacht, dass es vielleicht weh tut, wenn der, für den man den Himmel trägt so weit weg ist. Innerlich. Ich weiß nicht, ob es weh tat. Wir haben nie darüber gesprochen, und du hast mich nie eingefordert. Ich kann es mir nur vorstellen.

Jetzt liegst du im Krankenhaus. Ein Bett, Schläuche, keine Bewegung. Kein Wort, natürlich. Kein Blick. Ich war noch nicht bei dir, bin auf dem Weg, von weit her, bis an dein Bett. Auch in mir, ich sause am Himmel entlang bis zu der Ecke, wo du stehst, und mit jeder Erinnerung komme ich dir wieder ein Stück näher. Ein verlogenes näher, denn natürlich nähere ich mich nur der festen Ewigkeit, und nicht dir. Nicht dem Mann im Bett, der vielleicht alles bemerkt, vielleicht nichts bemerkt, der vielleicht weint oder sich vielleicht freut, wenn ich dann am Bett sitze. Der vielleicht die Nacht hindurch schreit, ohne dass man es hören könnte. Und der sich vielleicht Sorgen um seine Frau macht, die ohne ihn vermutlich zerfällt. Vielleicht. Wie ist es in einem Traum zu stecken, aus dem man nicht mehr aufwachen kann?

Der Tod wird dich mitnehmen, bald. Wegnehmen. Und dann denke ich, dass das albern ist, du bist schon lange weg, oder, um ganz ehrlich ehrlich zu sein, ich bin schon lange weg.

Dass ich jetzt zurückkomme, jetzt, wo es zu spät ist, dass ist ein wenig heuchlerisch. Ich habe wirklich Angst um dich, eine Welt ohne dich gab es bisher nicht, aber ich bemerke erst jetzt, dass du immer da warst. Erst jetzt, und die Frage wirft sich auf, ob die eigene Existenz so wichtig ist, dass diese Vernachlässigung auch nur ansatzweise zu rechtfertigen war. Gerade erscheint sie mir frech und hedonistisch. So viele Monster, denen ich heute gleichzeitig in die Augen schauen muss, und die auf mich zeigen und ‘Monster’ rufen, bis ich leer bin und mit hohlem Blick aus dem Fenster des Zuges starre, in eine schwarze Winternacht hinein. Und dann geht es wieder von vorn los und man beginnt das gleiche zu denken, bewegt sich am Himmel auf dich zu, bewegt sich keinen Zentimeter, bis man leer aus dem Fenster starrt.

Es wird ein Abschied. Es wird einer für immer. Und das kann mein Kopf nicht fassen. Zu allen Seiten quillt das Immer heraus, ein süßer Brei, den man nicht stoppen kann. Der Zug trägt mich unter dem Immer dahin, dass da auf deinen Schultern ruht. Ruhen wird, auch wenn du dann gegangen bist. Mein Himmel kann ohne dich nicht stehen. Und  neben der großen Schuld, dich im Stich gelassen zu haben, bleibt eine große Dankbarkeit übrig. Dafür, dass du meinen Himmel aufgebaut hast, dass du ihn so groß und weit hast werden lassen, und dass du mich nie eingefordert hast, als ich verschwand. Dann für die Geschichten, die du in meinen Kopf gepflanzt hast, und die zu einer Leidenschaft für das Theater geworden sind. Für das Erzählen. Für so viel. Aber vor allem noch einmal: Danke für meinen Himmel.

Konrad Schulze

Raus aus der Stadt, die mir Steine an die Füße hing. Durch die ich mit Steinen an den Füßen ging. Die mich mir Steine an die Füße hängen ließ. Und ich tat es. Ohne nachzufragen. Raus. Lass sie hinter dir. Zurückkehren musst du ja doch. Doch nun am Fenster. Vor dem Fenster. Draußen. Unter einem großen Himmel, denn das Meer ist nicht weit. Ich schaue durch Fensterglas. Durcbreche es, mit dem Kopf zuerst. Und knalle gegen den weiten Himmel, der da so hoch oben über alles gespannt wurde, und der alles umfasst, damit es endlich eine Einheit werden kann. Damit ich eine Einheit werden kann. Ich, ein einzelner, verschmolzen mit einer fremden Stadt. Ein wir. Ohne lange zu fackeln. Gleich ein wir. Denn das Meer ist nicht weit. Und der lange Arm langt in einem Atemzug darüber hinweg, bin in einen sonnengetränkten Horizont, durch ihn hindurch und tief in sich selbst hinein. Kein Wühlen und Scharren. Kein Kratzen an leeren Wänden, die Hohlräume voller Schreie beherbergten. Nur ein eintauchen in ein friedliches Licht. Nicht blendend, nicht heiß. Kühl und weiß, ein Winterlicht. Milch, die ich sanft um die ausgestreckte Hand legt und mögliche Wunden heilt. Man spürt ja nichts, in den Händen. Die waren so tot, so tot wie die schweren Steine an den Füßen. Ha. Kribbelig leuchtet das Wintericht in der Hand, leuchtet über meinem Kopf, über der Stadt. Es ist überhaupt nicht mein Licht, hier gehört es her, mehr als ich, über die Deiche und Kanäle, auf denen es friedlich schaukelt und in die Straßen zurückgeworfen wird. Und auch in mich. Keiner kann mehr sagen wo es herkam. Aus mir, aus der Stadt, aus dem blassen, weiten Himmel. Oh Gott, möchte man rufen, und mein den Augenblick, der da im Leben glänzt. Ein Geschenk, für das man seine Dankbarkeit irgendwohin richten muss. Warum also nicht an Gott, der treue, der verlässliches Schweigen bewahrt, existent oder nicht.

Ich fliege wieder. In den Träumen. von den Dächern der Stadt, die zusammengenommen den Wellen entsprechen. Ich fliege, und spiele mit dem Nordwind. Hier hat er sich also versteckt. Vor den Steinen, die man ihm an die Füße binden wollte. Und hier haben ich ihn wiedergefunden, und zusammen versuchen wir den Himmel zu durchbohren, der sich über alles spannt, um herauszufinden was es hinter ihm alles noch so gibt. Aber der Himmel ist zu weit weg, und der Forschergeist nicht unermüdlich. Unermüdlich ist das Winderlicht, dass zwischen den Fingern hervorquillt. Genau dort, wo die Stadt einschlug, sickert es aus mir. In Wellen gleite ich über die Dächer der Stadt, und das Winterlicht tropft zwischen meinen Fingern hindurch herunter auf die Gassen, die keine Schluchten sind, und auf deren Asphalt die Sonne schimmert wie auf dem nahen Meer.

Mit geschlossenen Augen küsse ich ihn, den Fremden, der erste, der auch über die Stadt geschwebt kam. Aber er ist es gar nicht. Die Stadt ist es, die ich küsse. Es ist die Stadt, die ich küsse, und die kühl und nass und voller Nordwind zurückküsst. Sie küsst zurück. Die Stadt küsst zurück.

Konrad Schulze

Die Musik perlt an mir ab wie Luft an einem weißen Menschenkörper unter Wasser. Nicht nur die Musik. Nein. Alles. Die Gespräche, die Sonne, die Geräusche. Alles perlt an meiner Haut ab und steigt leicht schwankend in den dunkelblauen Nachthimmel. Es ist noch nicht ganz Nacht. Über dem Rand der Welt liegt noch ein schwacher Schatten Licht. Der wirft die Kanten der Häuser und Bäume in meine Richtung, aber der Schleier aus perlenden Geräuschen lässt auch die Fast-Nacht nicht bis an mich heran. Ich träume. Ich träume, dass mich die Geräusche mitnehmen, in den Himmel hinauf. Dass ich zwischen den Perlen aufsteige, leicht von allen Seiten angestupst, und nie fallen gelassen. Nie fallen gelassen. Weil Geräusche dich nicht fallen lassen. Die kleinen silbernen Perlen sind verlässlicher als Menschen.

Gedankenverloren stehe ich in der Nacht. Auf dem Weg hier her habe ich sie verloren. Ein Gedanke nach dem anderen. Erst die wichtigen. Dann die schönen. Zum Schluss hatte ich nur noch einen Gedanken übrig, der jeden Schritt begleitete. Je weniger Gedanken, desto mehr perlten die Geräusche von mir ab, desto heller leuchteten die Geräusche auf ihrem Weg zum Himmel. Jetzt, wo ich den letzten Gedanken auch noch verloren habe, und nichts mehr habe, was meine Schritte begleiten könnte, bin ich stehengeblieben. Mit großen Augen verfolge ich den Weg der Geräusche und denke an nichts. Das ist wunderschön. Und erholsam, nach dem langen Weg, wo ich nur einen Gedanken noch hatte. Er wurde recht nervig, gegen Ende, und es war nicht schade um ihn, als er hinter mir zurückfiel.

Irgendwann, der dunkelblaue Lichtkreis am Horizont hat sich inzwischen aufgelöst, beginnen meine Hände nach den Perlen zu greifen. Und siehe da, ich kann mich an ihnen festhalten. Nicht für lang, schnell zerlaufen die Geräusche zwischen meinen Fingern. Aber doch so lange, dass sie mich ein Stück mitnehmen und die feste Erde unter mir zurückbleibt. Es sieht aus, als würde ich an einer Wand emporklettern, weil ich nach immer neuen Geräuschen greifen muss, die mir doch nur wieder zwischen den Fingern zerinnen. So klettere ich in den Himmel, immer weiter fort vom letzten Gedanken. Und die Erinnerung verblasst. Die Erinnerung an das Gewicht dieses Gedankens, der mir die Schultern vorn zusammenzog und der mich morgens nicht aus dem Bett aufstehen ließ. Das Lächeln kehrt zurück, ein Lächeln in mir. Zuvor konnte ich es nur spiegeln, von meinen Mitmenschen. Aber nun kann ich selbst lächeln. Und: alleine im Himmel zu lächeln, wenn man an kleinen Geräuschen immer weiter nach oben klettert, fühlt sich sehr gut an. Gut und richtig.

Meine dumme Haut hört nicht auf, die Geräusche abzustoßen, aber je weiter ich von der Erde wegklettere, desto weniger Geräusche sind zu finden. Der Schleier aus Perlen wird dünner, bis nur noch ein paar vereinzelte aufsteigen, und selbst die verfangen sich eher auf den Härchen auf meinen Armen, als dass sie wirklich nach oben steigen. Schon kann ich mich nicht mehr festhalten, höher komme ich auf keinen Fall. Von hier oben sieht man den Tag noch, wie er weit hinten am Rand der Welt vor mir flüchtet. Ich schaue mich um, sorglos, weil gedankenlos, und denke nicht daran, dass ich jeden Augenblick fallen müsste, weil ich mich nicht mehr festhalte. Und vermutlich falle ich auch nicht, deswegen. Vorerst. Vorerst schwebe ich, dumm und lächelnd, weit über der Erde, fast schon im Himmel.

Und dann kommen sie zurück. Ich weiß nicht wieso. Ich weiß nicht, wie sie mich finden. So weit draußen. Aber alle sind sie wieder da, auf einmal. Alle Gedanken, die schönen und die wichtigen. Und du bist auch wieder da. Du, der letzte Gedanke, der mich so lange nicht verlassen wollte, er prallt mit aller Kraft wieder zwischen meine Rippen und klammert sich in den Magen. Dein Gesicht. Mit offenen Augen schaue ich dich an. Das tue ich ja gern, sogar. Aber dann schlägt alles auf einmal zu, das Gewicht der Gedanken und die Logik, dass ich fallen müsste. Und das tue ich natürlich auch sofort. Fallen, in die abendlose Nacht zurück, Richtung Erde, Häuser, Bäume. Richtung Asphalt.

Aber, diesmal kein Aufprall. Aus meinen Träumen weiß ich, um zu Fliegen muss ich mich wie eine Welle durch die Luft schlängeln. Und auch wenn das nicht so wirklich funktionieren will, in der Wirklichkeit, es bremst den Sturz, und ich Gleite langsam und ohne Absturz voll und ganz in dich zurück. Und in mich, in all die Gedanken, die mich so ausmachen. Und dann frage ich mich, ob ich überhaupt ich war, in der Zeit, als ich keine Gedanken hatte. Ob ich existiert habe, oder eine Pause war, eine Pause vom Ich. Aber das bedeutet, dass mich dein Gesicht macht. Der Gedanke an dein Gesicht war das letzte, was vor der Pause noch Ich war. Das ist mir zu ungeheuerlich. Den Heimweg verbringe ich schweigend. Nachdenklich. Gedankenvoll. Bis zum Bersten. Es sind so viele dazugekommen. Und vielleicht habe ich ein paar alte, unangenehme im Himmel zurücklassen können. Aber natürlich nicht alle. Leider.

Konrad Schulze

ein abgeknickter Ast.

Zitat von Marc Marchand

Mit dem Regen kam die Explosion. Ich kam zur Tür heraus, jenen Morgen, und um das Schloss war nur Leben. Grün, so grün, sehr zart noch, aber leuchtend. Nur die Sommenblumen. Vom Vorjahr noch. Sie ragen vertrocknet aus dem jungen Gras wie schwarze Arme. Die hängenden Köpfe schwarze Fäuste, die sich nicht mehr öffnen können. Es stehen so viele vertrocknete Hände um das Schloss in den Wiesen, als würde die Wüste durch das dünne Gras herauflangen, unter dem sie ewig ist. Steinig, sandig, schwarz. So trocken sind die Arme, kein Wind bewegt sie, dabei weicht er in letzter Zeit wieder einmal nicht von meiner Seite. Grüße vom Winter, der noch gar nicht lange tot ist, und den ich doch schon wieder versuche zu vergessen. Zum Glück winken sie nicht.

Keiner hat sich um sie gekümmert, das ist offensichtlich. Ich frage mich, warum nicht. Sind es die Arme Ertrinkender, die da aus der Wiese schauen? Warum ertranken sie, hier, wo das Schloss mitten im Garten Schutz und Wärme verspricht. Tragen die trügerischen Wiesen unser Gewicht nicht? Wir, die wir aus der Stadt kommen und die Sprache der Bäume nicht sprechen, weder Tod noch Liebe erkennen, wie sie auf den Wiesen um uns herumtanzen.

Obwohl, seit ich hier bin habe ich es wieder gefunden. Das kleine helle Licht in meinem Bauch, dass den ganzen Körper von innen ausleuchtet. Das dafür sorgt, dass wir tanzen, ohne es zu bemerken, bei jedem alltäglichen Handgriff. Ich habe das Licht wieder, aber jetzt wo ich es habe, und wo ich weiß, dass es verloren gehen kann, jetzt habe ich doch große Angst. Davor, es erneut suchen zu müssen, sobald ich hier weg bin. Angst, erneut Sehnsucht nach einer Zweisamkeit zu haben, die nicht stattfinden wird. Dabei ist es so schön, sich endlich selbst zu genügen. Auch Angst, eine echte Liebe zu verlieren, für das Schloss, für den Frühling, und für ihn. Völlig uneitel fordert sie nichts, weil sie weiß, dass sie nichts bekommen wird. Ruhig atmet sie, ruhig und friedlich. Und Angst, ein Arm in der Wiese zu werden, sobald ich das Schloss verlassen muss.

Da fällt mir das Änderhaus ein. Es kann und will immer nur Station sein. So sehr man es liebt, es treibt einen früher oder später wieder in die Welt zurück. Ist also kein Ende, sondern höchstens ein Abschluss? Die Hoffnung erfüllt. Und vielleicht, vielleicht gelingt es mir, diesen Abschluss zu nutzen. Vielleicht wachse ich höher hinaus, vielleicht wachsen wir ja sogar, gemeinsam mit dem Frühling. Wer weiß, jeder für sich, und dadurch so gemeinsam wie es zusammen nicht möglich schien. Träume. Ich werfe einen Blick auf das Schloss zurück und bitte das weiße Licht in meinen Händen um Hilfe. Hilfe dabei, alleine so stark zu sein, dass die Möglichkeit einer Zweisamkeit nicht darüber entscheidet, ob meine Hand schwarz aus der Wiese wächst oder nicht. Hilfe darin ungebremst zu leben, auch wenn das Nichts zurückkehrt, dass aus seiner Abwesendheit entstanden ist. Ach, wenn man nur loslassend die Dinge geschehen lassen könnte.

Noch immer gelingt es mir nicht, Tod und Liebe zu sehen, die sich zweifelsohne zwischen den Blumen jagen. Aber ich kann mit ihnen herumspringen als sähe ich sie, ohne dabei in der Wiese zu ertrinken, kann denn Sonnenblumen vom Vorjahr die Hände schütteln und die Samen wie Konfetti verstreuen, dass sie in meiner Hand zurücklassen. Noch muss ich hier nicht weg.

Nicht oft kommt es vor. Nein, schon lang ist es nicht gewesen. Es fühlt sich so neu an, so einzigartig, fast glaubt man, man hat es noch nie gefühlt.

Wenn man in einem Schloss wohnt, mit muffigen Teppichen an den Wänden, die Augen und Nase verstopfen, weil sie ihr Alter des Nachts in die Gänge schütten, durch die man barfuß schleicht, um aufs Klo zu gelangen, dann geht man zwar jeden Tag an den großen Fenstern vorbei, durch die die Sonne ihre Schwerter in die Hallen aus Stein schickt, Schwerte, an denen ich mich bis zum Herzen aufschneiden soll, um endlich das freilassen zu können, woran ich mich am meisten klammerte. Aber. Man schneidet sich natürlich nicht. Man zwinkert der Sonne zu, die doch nur blendet, und verschwindet auf filzigen Sohlen im nächsten samtverhangenen Zimmer, das so tief klafft, dass man gar nicht erst den Versuch startet, es auszuloten. So lange schon schwebt man über die Gänge, von Gardinen gestreichelt, immer den Blick in den Garten scheuend, der da im Frühling liegt und ruft.

Und dann. Man ist schon ganz Winter geworden, die Haut strahlt weiß in die Räume, so dass ein Licht gar nicht mehr nötig ist. Dann fällt irgendeine Tür hinter uns zu. Irgendeine Tür, sie ist schon tausend Mal ins Schloss gefallen, immer das gleiche schwere Geräusch, immer der leichte Wirbel aus alter Luft und Staub, der um die Füße spielt. Immer die Stille, nur durchbrochen durch das schwache Summen, das die Haut beim winterlichen Leuchten von sich gibt. Und dieses Mal. Das schwere Geräsch, es kam. Der Staub, er kam. Aber die Haut, sie leuchtete nicht. Nein. Irgendetwas zerbrach. Liebevoll. Vielleicht haben die Sonnenstrahlen doch endlich freigeschnitten, was ich da so eitel bewachte. Vielleicht war es aber auch die Zeit. Eine kleine Kugel öffnet sich, zerbirst, und die Druckwelle rast durch meinen Körper, so dass ich Angst habe, er würde zerpatzen. Doch nichts dergleichen. Es rast durch mich hindurch und aus mir heraus, als existierte ich nicht. Aber das Schloss, die schweren Steine. Die hat der Winter nicht auflösen können, die stehen. Und gegen sie rast die Druckwelle, die einem Schrei gleichkommt, der aus meinem Bauch fließt. Knallt auf den Stein, der kurz ächzt, rissig wird, und einfach davonfliegt. Wie Pappkartons.

Die Sonne sticht sofort durch die neuen Lücken und Risse, reißt die Steine weiter auseinander bis sie bei mir ist, umschlingt mich, ihre Strahlen zärtliche Tentakel, goldene Haare, die um mich kriechen und mich davor schützen, haltlos in den Keller des Schlosses zu stürzen. Langsam setzten sie mich am Rand des Loches ab, wo einst das Schloss stand. Schon wieder habe ich etwas gesprengt. Aber diesmal laufe ich nicht fort. Diesmal bleibe ich stehen und schaue dabei zu, die der Garten binnnen Stunden in das Loch kriecht, sich darüber breitet. Schon sieht man nichts mehr vom Schloss, als ein paar alte Stufen und eine halbe Mauer, die von Efeu umrankt einen dramatischen Rest darstellt. Mehr nicht. Dramatisch und schön anzuschauen.

Und dann komme ich nicht umhin, mich zu genießen. Lange habe ich das nicht getan. Aber nun. Alleine, ja einsam, im Schlossgarten, nur mit den Sonnenstrahlen und dem alten Efeu, zwischen denen meine Winterhaut grell leuchtet, da muss ich mich einfach genießen. Nur mich. Niemanden sonst. Und dann beginnen die Hände zu tanzen. Langsam. Nicht zwanghaft. Zärtlich berühren sie die Steine, Bäume und Blätter, ja, die Luft selbst. Und man könnte meinen, um den Kitsch perfekt zu machen, dass sich wieder einmal Flügel auf meinen Rücken öffnen. So fühlt es sich an. Aus meine Brust und meinem Rücken platzt immernoch der Schrei, und entfaltet sich in den Himmel, bunt, zufrieden, frei. Mit geschlossenen Augen fühlen sich meinen Füße den Weg durch das Gras, durch die Steine, vorwärts, genießend. Geduld erfüllt mich, Geduld, die ich so lang vermisste, und deren Fehlen so viel zerstörte, was hätte wachsen können. Aber jetzt ist sie wieder da, und zusammen mit der Einsamkeit hebt sie mich empor, in den ersten Stock des explodierten Schlosses, zweiten Stock, in das Turmzimmer, darüber hinaus, bis über die Bäume. Bis ich völlig in der Sonne glänze, nackt und ruhig, lächelnd, tanzend, ein Irrer am Himmel, aber ein glücklicher. Die Winterhaut schimmert schon leicht Kupfern, unter den zarten Händen der Sonne endlich wieder lebendig. Endlich wieder lebendig.

Endlich wieder lebendig.

Konrad Schulze

Es war irgendwann mitten in der Nacht. Der Wind strich unbarmherzig über die große Ebene, Schnee und Frost schlängelten sich über die glattpolierte Eisschicht. Aus der Dunkelheit in die Dunkelheit. Still ist es. Die Sterne sind erloschen, schon seit ein paar Stunden, und der Mond zersprang, weil ihm der Himmel zu klein wurde. Der Wind hat die Scherben schon fortgetragen. Doch das leise Wispern ist geblieben, das Wispern der Scherben die über das Eis wehen, wie Frauenstimmen, die zart unter dem Eis hervorsingen. Irgendwann mitten in der Nacht war es, als plötzlich ein Kind geboren wurde, aus der Dunkelheit, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Ein weißes Kind, ohne ein einziges Haar, und ohne Gesicht. Taub und stumm und blind lag es auf dem Eis. Nackt. Wie gefroren lag es da, so weiß war die Haut. Aber wo der See vorher kalt und leer in der Nacht lag, so ist er jetzt erfüllt von der Einsamkeit eines Menschen. Langsam streckt sie sich aus, über das Eis, drängt den Wind zurück und lässt das Wispern der über das Eis hastenden Scherben verstummen. Wie eine Wattekugel wächste die Einsamkeit um das unbewegliche Menschenkind herum, auch in das Eis hinein, und was vorher nur eine Nacht ohne Sterne war, wird nun kalte Dunkelheit.

Die Einsamkeit reicht so weit von uns weg, dass wir ihr Ende nicht mehr sehen können. Kein Wind kommt mehr an das Kind heran, und langsam beginnt es kleine Bewegungen. Zart streicht es mit den Fingern über das Eis, als wollte es dem Eis danken. Es liebkosen. Halb kriechend, halb liegend schiebt es sich langsam über das Eis, mit den Fingern immernoch liebkosend, tastend, suchend. Aber das Eis ist glatt und kennt keine Unebenheiten, an denen man sich orientieren könnte. Oder die interessant sein könnten. Irgendwann gelingt es dem Kind, in eine sitzende Position zu rutschen, da hält es inne. Vorsichtig tastet es die eigenen Beine entlang, den Bauch, die Arme. Es scheint, erst durch das Berühren sind sie Wirklichkeit geworden, teil des Kindes. Jetzt tastet es den Kopf ab, und wir können gar nicht hinsehen, wie die Hände über die glatte Haut fahren, ohne auf Augen, Ohren oder einen Mund zu treffen. Völlig glatt ist alles, bis auf ein paar blaue Adern, die sich knapp unter der Haut dahinschlängeln. So betastet es sich eine Weile. Es scheint etwas zu suchen. Einen Eingang in den Kopf, einen Anfang oder ein Ende. Aber wie das Eis, so ist der Kopf völlig glatt. Da dreht es den Kopf. Es schaut uns an. Unmöglich, es hat keine Augen, keine Nase die uns zeigen könnte, dass es uns anschaut. Aber wie vorher plötzlich die Einsamkeit über den See kroch, so kriecht jetzt der Blick des Kindes unsere Rücken hinauf und zwischen die Nackenhaare, die entsetzt versuchen zu flüchten. Langsam hebt das Kind einen Finger zum Gesicht hinauf. An der Spitze des Fingers glänzt etwas. Eine Scherbe? Hat das Kind eine Scherbe des Mondes gefunden? Es wird doch nicht?

Wir können den Blick nicht abwenden, als das Kind langsam die Scherbe quer über das Gesicht zieht. Rot klafft die weiße Haut auseinander, aber es fließt kein Blut. Als es die Scherbe wieder senkt, sieht man, das hinter dem Riss kleine Zähne zum Vorschein gekommen sind. Der Riss verzieht sich und… kann es sein? Versucht es zu lächeln? Wir wissen es nicht, aber wir können nicht zurücklächeln. So sehr wir es versuchen. Und dann wird es unerträglich. Hätten wir doch gelächelt. Die Schultern des Kindes fallen nach vorn, so wie die Mundwinkel nach unten. Ein leises Wimmern beginnt, und es kommt eindeutig aus dem Mund des Kindes der Nacht. Das Wimmern zieht über das Eis wie vorher die Stimmen der Scherben, noch leiser, aber so unangenehm, dass man sich wünscht, keine Ohren zu haben, wie das Kind. Langsam schwingt es vor und zurück, den Mund halb geöffnet, damit das Wimmer auch wirklich seinen Weg zu uns findet. Und wir tun immernoch nichts. Hat niemand eine Jacke, das Kind zu wärmen? Hat niemand den Mut dieses Kind ohne Gesicht auf den Arm zu nehmen, damit es aufhört zu wimmern? Erwartet jeder von uns, dass es der andere tut? Warum tue ich es nicht?

Anscheinend nicht, keiner rührt sich. Ruckartig reißt das Kind den Kopf hoch. Es schaut uns an. Jeden von uns, direkt in die Augen. Dabei hebt es die Scherbe zum Kopf und sticht zweimal schnell zu. Diesmal ja, diesmal fliest Blut. Ein bisschen. In einzelnen Tropfen, so makaber, es sieht aus wie Tränen, die sich aus den zwei frischen Höhlen lösen. Jeder Tropfen rollt über die Wangen, über den Mund, ehe der nächste aus den Höhlen klettert. Dazu kommt ein jammerndes Klagen, und wir sind uns nicht sicher, ob es immernoch aus dem Mund kommt, oder ob es aus den Augen kommt. Tief in den Höhlen glänzt etwas, etwas dunkles, das wächst und schiebt sich vor, bis zwei große runde schwarze Steine dort schimmern, wo sich das Kind mit den Scherben in den Kopf gestochen hat. Nichts tropft mehr. Das Klagen jammert immernoch aus dem Kind, jammert so schrill, dass das Eis vibriert, dass sich kleine Risse bilden, die von dem Kind wegrennen und auf uns zu, die wir im Kreis um das arme Ding herumstehen. Keiner bewegt sich. Keiner atmet mehr. Die Risse rennen unter uns entlang, in unsere Füße, und wir spüren, wie sie unsere Haut aufreißen. Die Beine springen sie hinauf, über die Hüften zur Brust, und verästeln sich, bis sie unser Gesicht und unsere Augen erreichen, in den Pupillen zusammenlaufen und… leise klirrt es. Wie der Mond zerspringen wir in dieser sternlosen Nacht, in der die Sterne verloschen, und in der die Nacht ihr furchtbares Kind gebar. Zerspringen am Klagen eines Kindes, das keiner wärmen wollte.

Aber in dem Moment, wo wie als Splitter zur Erde fallen, da haben wir doch noch kurz Zweifel. Vielleicht, aber das ist doch eigentlich unmöglich, war es nicht das Kind, das furchtbar war, sondern wir waren es, und unser Zerspringen ist die gerechte Strafe dafür, das Kind nicht zu uns geholt zu haben, als es die Nacht auf den kalten See gebar. Aber daran konnte doch keiner … Dann tanzen unsere Splitter über das Eis. Der Wind kehrt zurück, und fegt uns über den See, weg von dem  Kind. Dabei machen wir auf dem Eis Geräusche wie zarte Frauenstimmen, die unter dem Eis hervorsingen. Was wird nun aus dem Kind? Ist es noch wichtig?

Konrad Schulze

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